FALCO lesen

Was überbleibt, ist original
Gedanken zum Gedenkjahr 2018

ER war Popstar. Keine Frage. War viel zu früh gekommen, hatte viel zu schnell gelebt und die größten Erfolge, Niederlagen, Exzesse und Transformationen in nur wenige Lebensjahre hineingepresst. Sein Tempo war enorm. Die Fallhöhe hoch. Und die Botschaft groß. So groß, dass sie 20 Jahre gebraucht hat, um sich zu entfalten.

Donauinsel-Konzert (1993)

Wenn ER seinerzeit meinte, dass er „keine Message“ hätte, dann lag es wohl daran, dass er selbst zu Lebzeiten weit davon entfernt war, dieses Grandiosum seines Wirkens zu erfassen. Wie auch, wenn man selbst noch mitten im Leben ist, dessen physisches Ende zugleich eine so fulminante Wende bedeutet.

In seinem Fall hat nach 1998 die schöpferische Phase nicht geendet, sondern er hat nach den Jahren der irdischen Verausgabung schlichtweg das Blatt gewendet. Seither wird seine Botschaft im wahrsten Sinne des Wortes von einer höheren Warte aus gesendet. Und er ist nach wie vor ein höchst aktiver Sender. Seine Inspirationskraft macht vor keinem Genre und keiner Stilrichtung Halt. Die Welle rollt und rollt. Kein Ende in Sicht. Noch lange nicht.

An den Superlativen der Gedenkveranstaltungen zum 20. Todestag lässt sich ablesen, wie weit entfernt vom Sagbaren wir uns immer noch befinden, wenn wir von seinem Vermächtnis reden. (Aber darüber wird nach dem Feber 2018 noch die Rede sein.)

FALCO – Der Vorreiter
Er hatte seinerzeit die Coolness bis zum Exzess gelebt und in Wien salonfähig gemacht, als wir noch nicht mal wussten, wie man dieses Wort ausspricht. Er hatte nicht nur Flair und Eleganz, seine Aura war definitiv überdimensional extravagant. Ein Leitstern, der die gesamte Bandbreite an Schönem und Unschönem, Liebenswertem und Verabscheuungswürdigem in seinem Leben vereinte. Wenn wir heute über die „Vereinigung der Polaritäten“ reden, dann hat er es bereits gelebt, sei es als zutiefst verletzlicher Hans oder als sein Gegenspieler FALCO. Ich trenne die beiden Seiten nicht mehr. Sie gehören zusammen und sind längst zu einem Wesen verschmolzen. 

Neben dieser übermächtigen Kunstfigur waren aber noch andere Talente in Hans Hölzel angelegt.

Die sprachliche Genialität war dem Ur-Wiener genauso angeboren wie die Musikalität. Als Popstar war er weltbekannt. Als Poet zu Lebzeiten weitestgehend unerkannt. Viele seiner inhaltlichen Ideen und Sprachkreationen blieben in seinen privaten Text- und Notizbüchern unveröffentlicht. Das wenige Sprachmaterial, das er stets unter massivem Selbstzweifel in seinen Songs verarbeitet hat, galt damals als unverständlich, abgehoben, gekünstelt. Mittlerweile haben Falco-Lyrics längst Kultstatus. Die Mischung der Sprachen, Dialekte wie auch Soziolekte und die zeitgleiche Selbstironie war nicht nur ein genialer Kunstgriff, sondern ein Verweis auf sein sprachpoetisches Bewusstsein.

Seine Art zu texten hatte ihn von Anfang an in die Nähe der Wiener Avantgarde um H.C Artmann, Ernst Jandl, Gerhard Rühm u.a. gestellt. Dennoch war sein poetisches Werk stets dem enormen Erfolgsdruck der Popsongs untergeordnet. Das Schreiben blieb für Falco ein Mittel zum Zweck. Umso erstaunlicher, dass seine Texte auch ohne Musik nicht nur einen eigenen Stil geprägt haben, sondern sogar 20-30 Jahre nach ihrer Entstehung immer noch aktuell und lesbar sind.

Freilich, die Songtexte der großen Falco-Hits sind unseren Ohren ja bestens vertraut. Die Vielschichtigkeit der Lyrics offenbart sich aber erst in gesprochenen Darbietung. Dabei ist es erstaunlich, welche Tiefe manche Texte erlauben, wenn man sich ganz ohne Sound auf die Worte und Wendungen einlässt. Abseits der bekannten Hörgewohnheiten offenbart sich hier viel eher ein emphatischer Poet als ein kalkulierender Popstar.

Man kann auf ganz unterschiedliche Art an Falco-Texte herangehen: sprachwissenschaftlich, lautpoetisch, kulturgeschichtlich, popmusikalisch, rhythmisch… oder auch spirituell. Ja, auch das. 
Wenn er sich in diesen Tagen – nach 20 Jahren selbst wieder zu Wort melden würde, dann mit einem scharfsinnigen, weitblickenden, selbstironisch-kritischen und in all dem stets emotionalen Statement. Unumstritten ist, dass er etwas zu sagen hätte, denn mundtot war der Hans Hölzel nie. Schon gar nicht jetzt, wo die Dichte der Gedenkveranstaltungen so groß ist, dass man meinen könnte, ihm würde bald der Titel eines sakrosankten Heiligen verliehen.

by Curt Themessl

In diesem klein-feinen Lese-Programm kommt er nicht nur durch seine eigenen Lyrics zur Wort.  Abseits von großen Bühnen und prominenten Live-Konzerten soll es an diesem Abend weniger um den zur Schau gestellten Exzess des Falken als mehr um seinen inneren Spirit gehen. Was sagt er uns zwanzig oder dreißig Jahre danach immer noch, wenn auch seine Worte längst aus dem coolen Kontext freigelegt wurden?

Die Texte sind so ausgewählt, als hätte er sie persönlich für den Abend seines 20. Todestags ausgesucht. Nein, er musste nicht sterben, um zu leben. Er hat sich lediglich in eine „andere Stratosphäre“ geschossen, von wo aus er nun schon seit 20 Jahren aktiv ist. Hyper-aktiv sozusagen. Und das mehr denn je.
Vereinzelt eingespielte O-Töne vermitteln im Raum seine akustische Präsenz, die sich an diesem Abend hör- und für manche auch spürbar ausbreiten wird…

Termin:
6. 2. 2018 
Club Palme / Café Weimar
Währinger Straße 68
1090 Wien

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Kontakt: amadea[at]amadealiestfalco.at