FALCO – Poet und Prophet

Popstar, Poet und Prophet
Über das poetisch-literarische Wirken von Falco/Hans Hölzel
Teil 1

FALCO Reading (1994)

Liest man den Namen FALCO, dann meint man in erster Linie den Popstar, die Kunstfigur, den präpotenten Typen wie auch den übercoolen Selbstdarsteller. In dieser Rolle ist Hans Hölzel in den 80-er Jahren angetreten, hat alles und noch mehr gegeben und ist vor allem durch seinen Nummer-eins-Hit “Rock me Amadeus” (1986) als “Österreichs einziger Popstar” in die Geschichte eingegangen. Falco der Superstar und nichts anderes. Oder war da noch etwas?

Bevor nun 20 Jahre nach seinem Autounfall die Welle der Gedenkveranstaltungen beginnt und der Falco-Hype erneut hochsteigt, ist es angebracht, auch jene Seite zu beleuchten, die bisher nur wenig sichtbar wurde: Hans Hölzel der Denker, der Vordenker, der Philosoph, Sprachkünstler wie auch der Visionär.

Immer wenn ein großer Künstler oder Denker das Zeitliche segnet, braucht es den Abstand von einigen Jahren, bis das Lebenswerk in vollem Umfang sichtbar und in seiner Wirkung erkennbar wird. Proportional mit der Zunahme der zeitllichen Entfernung schieben sich die positiven Erinnerungen ins Bewusstsein. Zugleich verblasst alles Garstige, je weiter man sich vom Sterbedatum entfernt.
Es ist im Grunde ein sehr menschliches Phänomen, dass man aus der sicheren Distanz von einigen Jahren jegliche Entgleisungen verzeiht. Dann erinnert man sich in diversen Wiederauflagen und Rückblicken wieder gerne an den “großen Künstler” und huldigt ihm als Bereicherung des Landes. In der Regel dauert dieser zeitliche Abstand cirka zehn Jahre. Nicht so bei Falco.

Beim Lebenswerk von Hans Hölzel scheint dieses posthume Nachbrüten über Werk und Wirkung ganze zwei Jahrzehnte gebraucht zu haben. Erst seit einem Jahr schillert seine multiple Person wie ein leuchtendes Hologramm, das sich immer wieder auf’s Neue faszinierend darstellt, egal von welcher Seite man es betrachtet. Die Gründe für diese verspätete Wahrnehmung sind mehrere.
Zugegeben, es ist nicht so einfach, das Wirken dieses als Kunstfigur getarnten “Ausnahmekünstlers” im Gesamtvolumen zu erfassen. Schließlich war er es selbst, der sich mit maximaler Verve der Identität des Popstars verschrieben hat und in dieser Rolle alle möglichen Register der Arroganz gekonnt, gewitzt, pointiert und überdies maximal intelligent auszuspielen wusste. Mit einem Wort: Falco war nicht nur übercool, er war auch den meisten seiner Gesprächspartner um eine Hausecke geistig überlegen.
So kam es, dass seine anfänglich als Kunstgriff eingesetzte manierierte Coolness mehr und mehr zu seinem Image wurde und ihm schließlich den Ruf “schwierig bis asshole” einbrachte.
Natürlich war er selbst für dieses Stigma verantwortlich. Keine Frage. Und es wäre nicht Falco gewesen, wenn er diesen Ruf nicht auch perfekt einzusetzen gewusst hätte. Damit war jedwede anbiedernde journalistische Umarmung oder gar mediale Verklärung für lange Jahre ausgeschlossen, wie immer er in Interviews auch aufgelegt war, ob charmant redegewandt oder wortkarg arrogant.

Nun schreiben wir das Jahr 2018 und es weht ein and’rer Wind. Ein ganz anderer. Zwar wurde Hans Hölzel auch im Jahre 2008 freundich gewürdigt und mit Nachrufen bedacht, aber all das ist kein Vergleich zur Welle der Verklärung, wie sie in diesem Jubiläumsjahr zu seinem 60. Geburtstag hoch und höher geht. Aus dem Präpotenzler der 90er-Jahre wurde mittlerweile ein Nationalheiliger. Wer jetzt, 20 Jahre nach Hans Hölzels Tod, noch über Falco spottet, versündigt sich vor dem Herrn.

Offenbar ist das Nachholbedürfnis, Falco zu ehren, über alle Maßen extrem hoch. Diesbezüglich wurde im Feber mit den diversen TV-Dokumentationen, Veranstaltungen und auch Nachrufen einiges an verabsäumter Wertschätzung bereits aufgeholt. Wer immer sich anno 2017 über Falco in der Öffentlichkeit mitgeteilt hat, tat es mit ehrerbietender Anerkennung für einen großen Künstler und/oder Wertschätzung für einzigartigen Freund. Einen, den man im Nachhinein nie vergisst. Im Nachhinein.

Posthumer Image-Wandel als österreichisches Phänomen
Dieser posthume Image-Wandel um 180° verweist aber noch auf ein anderes Phänomen. Falco ist zwar ein besonderer, aber bei Gott kein Einzelfall. Es ist ein österreichisches Phänomen, dass wir unsere Vordenker und Vorreiter (die “Avantgardisten”) zunächst als Störung empfinden. Künstler, die in den letzten Jahrzehnten über den Rahmen des Vorstellbaren hinaus gedacht, geschrieben, gesungen, gemalt oder auch gesprochen haben, wurden bzw. werden in Österreich schon fast traditionell als Nestbeschmutzer, als arrogant oder gar als Bedrohung empfunden. Dabei seien die einstig skandalösen Events des Wiener Aktionismus der frühen 60-er Jahre genauso erwähnt wie das literarische Werk von Thomas Bernhard aus den 80-er Jahren.

Das berühmte Zitat “Wenn ich einmal tot bin, werden sie mich lieb haben”, wird zwar oft Hans Hölzel in den Mund gelegt. Weniger bekannt ist, dass er diese Worte von niemand geringerem als von Helmut Qualtinger übernommen hat, der seines Zeichens mit der Figur des “Herrn Karl” in ähnlicher Weise am guten Geschmack der Hauptabendprogramm-Seherschaft angeeckt ist wie später Hans Hölzel mit seiner Kunstfigur Falco. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie ihrer Zeit voraus waren. Die Rede ist also von Avantgardisten im eigentlichen Sinn.

„Er war seiner Zeit voraus”
Das ist mittlerweile nicht nur eine Tatsache, sondern längst auch eine abgenutzte Floskel, die in den Social Medias als reflexartige Antwort gegeben wird, wenn das Stichwort “Falco” fällt. Wahr ist, dass wir offenbar erst jetzt vorurteilsfrei auf das Gesamtwerk zugreifen und das Phänomen FALCO in seiner Multidimensionalität sehen können – als Kunstfigur, als Performer, als Popstar, Kosmopolit, als “Innovator der deutschen Sprache für die Popmusik”, aber ebenso als typisch wienerisches Genie, der trotz seiner Fluchtversuche hier genauso picken geblieben ist wie seine Vorbilder Oskar Werner oder der bereits erwähnte Helmut Qualtinger.

Der Unterschied zu Falco ist: er war ein Zauberer, ein Charismatiker, ein Wandlungskünstler, Grenzgänger, ein “Überflieger”, wie er sich in einem seiner Texte selbst bezeichnete. Jemand, bei dem man nie wusste, ob er diesen Tag noch überleben würde oder sich selbst neu erschaffend, als Phönix aus der Asche, in neuem Outfit, neuem Style, neuen Format wieder erscheint. Mit einem Wort ein Meister der Transformation. (Und das zwanzig Jahre bevor dieser Begriff zu einem Hashtag für die spirituelle Szene wurde. Das nur am Rande.)

Und wenn ich heute noch am Leben wär, ich könnt bezeugen, wie es wirklich war.

Nun, 1998 hat Hans Hölzel diese besagte “Grenze” überschritten. Er ist seither nicht mehr physisch präsent und doch wirkt es so, als wäre er seit Jahren hochaktiv. Seine mediale Präsenz hat in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen. Von “Ruhe in Frieden” keine Spur. Frieden ja, aber Ruhe nein. Im Gegenteil. FALCO lebt. Unter diesem Motto gibt es nicht nur ein engagiertes Street-Art-Label, sondern das enorme Medien-Echo in diesem Jahr spiegelt es: FALCO pulsiert mehr denn je. Seine Energie ist wach, ist im Raum, zum Greifen nah, als würde er sich immer noch einbringen, mitwirken, Interviews geben. Spirit never dies…

[Fortsetzung folgt.]